Ein Fragment aus dem Totenbuch des Ani

Jürgen Kraus

Manchmal stolpert man an den ungewöhnlichsten Orten über altägyptische Texte. Nicht, dass die Tatsache ihrer Sekundärverwendung selten anzutreffen sei – im Gegenteil. Jedoch haben die meisten dieser Reminiszenzen ägyptischen Schrifttums bestenfalls den Informationswert sogenannter "Pseudohieroglyphen". Doch nicht so bei nebenstehendem Bruchstück, vorgefunden im weithin bekannten Werk "Asterix und Kleopatra" von Albert UDERZO und René GOSCINNY(2).

Diese Hieroglyphen – das erkennt der Fachmann mit geübtem Blick – sind anders. Es erschließen sich Zeichen, diese verbinden sich zu Wörtern, Phrasen und schließlich ganzen Sätzen. Kein Zweifel: Hier hat der Zeichner nicht seiner Phantasie freien Lauf gelassen, sondern ließ sich von einer realen Vorlage inspirieren. Die auf der Abbildung beigefügte "Übersetzung" darf dabei eher als Rohübersetzung gelten, die genügend Raum für präzisere syntaktische und semantische Entsprechungen bietet.

Der Text
 

 

 
 
 

Übersetzung

[Ich trete vor Euch…] indem ich den Osiris Ani zu Euch brachte. Er ist keines Vergehens schuldig
vor irgendeinem Gott. Gestattet, dass er täglich mit Euch sei, […] der Osiris Ani, der Schreiber,
sagt: "Sei gegrüßt, Erster der Westlichen, Wnn-nfr, inmitten von Abydos, ich trete
vor Dich, mein Herz voll Wahrheit, nichts Böses in meinem Leib und ohne zu lügen."
 
 
Identifikation der Vorlage

Der Text ist eine Anrede an Osiris, gesprochen von einem Schreiber namens Ani . Dies sind die einzigen verwertbaren Informationen zur Herkunft, die dem kurzen Text zu entnehmen sind.

Die Lektüre einschlägiger Literatur (3) zur Materie erwies sich zunächst als wenig fruchtbar. Schnell war klar, dass die Suche nach der Textquelle ohne weitere Hilfestellung erfolgen musste. Nach anfänglichen Überlegungen, es handele sich bei dem Fragment um eine Abschrift einer abydenischen Votivstele an Osiris, die allerdings in einer Sackgasse mündeten, konzentrierten sich die Nachforschungen wieder verstärkt auf den Namen des Protagonisten im Text. Die gezielte Suche nach Quellen mit einem bestimmten Personennamen gestaltete sich schwierig. Ein erster Blick bei RANKE zeigte, dass der Name für das Neue Reich recht geläufig ist, so dass sich auch hier kein Anhaltspunkt für die Quelle ergibt. (4)

Vielversprechender schien da die handliche Zusammenstellung von MOORE(5), die sich allerdings auf Deir el-Medineh beschränkt. Die Herkunft des Fragments aus der Arbeitersiedlung galt jedoch als eher unwahrscheinlich, zumal sichere Indizien dafür fehlten.(6)

Die Verbindung von "Schreiber" und dem Namen "Ani" war weitaus seltener anzutreffen als anfänglich befürchtet. Und in Anbetracht des Verwendungszwecks dieses Textstücks dürfte eine schwer zugängliche Quelle nahezu auszuschließen sein: Der hier erwähnte () musste ein bekannter Vertreter seiner Zunft sein. Und diese Schlussfolgerung schränkte die Möglichkeiten, um welche Quelle es sich handeln könnte, drastisch ein: Es handelte sich um das Totenbuch des Ani, genauer gesagt: ein Stück aus der Einleitung des 18. Kapitels, nämlich der Einführung des Toten durch Iunmutef.(7) Blieb abschließend die Frage nach der exakten Herkunft der hieroglyphischen Vorlage, zu deren Klärung zwei Indizien herangezogen werden konnten:

  1. Der Text wurde nicht von einer Originalvorlage abgeschrieben, sondern muss in einem Buch publiziert sein: In der ersten Zeile steht der Name Ani in der Form. Deutlich ist ein paar eckiger Klammern zu erkennen, die auf eine textkritische Edition hinweisen. Der Punkt über der schließenden Klammer bleibt unklar, möglicherweise ein Verspunkt, obwohl dies an der fraglichen Stelle keinen Sinn macht. Es scheint allerdings kein Kopierfehler zu sein, denn zu deutlich ist die Klammer unter dem Punkt verkleinert.
  2. Die Geschichte "Astérix et Cléopâtre" erschien im französischen Original ab dem 5.12.1963. Dies darf als terminus ante quem für die gesuchte Publikation gelten.
Als bekanntere Textedition des Ani-Totenbuchs vor 1963 kommt z.B. die Ausgabe von E.A. Wallis BUDGE in Frage. Einen letzten Beweis liefert die Übereinstimmung der Eulen-Hieroglyphe , die in ihrer kursivhieroglyphischen Variante mit den kleinen "Hörnern" getreu der Drucktypen-Vorlage von BUDGE kopiert wurde.

Kommentar

Der Kopist hat die ihm zur Verfügung stehende Vorlage teilweise recht fehlerhaft abgeschrieben, entweder ohne genaue Kenntnis von Schrift und Sprache oder in großer Eile. Gerade in der ersten Hälfte des vorliegenden Textes können gravierende Abweichungen vom Original festgestellt werden. Dabei ist allerdings nicht zu unterschätzen, dass der Text auf seinem Weg zu der uns vorliegenden Version einer gewissen Redaktion durch die Abschriften Papyrus Ani --> Edition von E.A.W. BUDGE --> Textauszug in "Asterix und Kleopatra" unterlag und sich Differenzen in der Überlieferung nicht ausschließen lassen.

Z.1: Im Namen hat der Verfasser irrtümlich die textkritischen Klammern der Vorlage kopiert, die dort obendrein in der Publikation von BUDGE (1895) auch noch falsch gesetzt sind. Nach Vergleich mit dem Original-Papyrus sollte dort statt stehen.

Z.1: Am Ende der Zeile lies: ; das ist in der Abschrift entfallen. Die Präposition hr aus der Vorlage passt hier allerdings besser als die irrtümlich entstandene Präposition r.

Z.2: Die Zeichenfolge ist ebenfalls von der falschen Vorlage in BUDGE (1895) übernommen. Im Papyrus selbst steht korrekt .

Z.2: Nach r´-nb ist fast eine ganze Textzeile ausgelassen, vermutlich durch ein Verrutschen in der Zeile beim Ablesen der Textvorlage. .

Z.2: Der Strich über markiert bei BUDGE das Rubrum.

Literatur

BUDGE, E.A.W., The Book of the Dead, The Hieroglyphic Transcript of the Papyrus of ANI, the Translation into English and An Introduction, New York 1960, 422 f.

BUDGE, E.A.W., The Book of the Dead, The Papyrus of Ani in the British Museum, London 1895, 72 f.

HORNUNG, Erik, Das Totenbuch der Ägypter, Zürich 1979.

QUAEGEBEUR , Jan, et al., Egypte Hertekind, Het oude Egypte in de beeldverhalen, Leuven 1988.


(1)

Mit Rat & Tat standen Albrecht Endruweit, Rainer Hannig, Matthias Müller und Christian Opitz zur Seite. Besonders die Herren Endruweit und Hannig gaben mir - unabhängig voneinander - entscheidende Hinweise. Matthias Müller steuerte zudem einige wichtige Korrekturen bei. Ihnen allen sei hiermit herzlich gedankt
(2) Zugrundegelegt wird die deutschsprachige Werkedition von 1990; die hier gezeigte Abbildung befindet sich ausf S. 27.
(3) QUAEGEBEUR et al. 1988.
(4) RANKE PN I 2,11.
(5) T.R MOORE, Any as an Element in Theophoric Names, in: JARCE 33 (1996), 139-152
(6) Einziger Beleg ist O. CGC 25361,5; dort ist ein Schreiber mit gleichem Namen und - noch wichtiger - mit identischer Schreibweise belegt. Diskussion bei CERNY, Community, BdE 50, 222 und B.G. DAVIES, Who was who in Deir el-Medina, Leiden 1999, 135 f., Quelle: KRI VII, 381
(7) Die Besonderheit dieser Einleitung in der Textversion des Ani wird auch von HORNUNG (1979: 427) hervorgehoben.